Physiotherapie am Stadtpark - Jan Dieckmann

Von wegen altmodisch: Physiotherapeut zeigt fünf Übungen für Frühsport

Bettdecke zurück und los geht’s!

FÜRTH – Das Wort Frühsport ist etwas aus der Mode gekommen, Workout, Stretching und Warm-Up klingen einfach hipper. Dennoch ist Bewegung am Morgen etwas zeitlos Wichtiges, findet einer, der es wissen muss: der Physiotherapeut Jan Dieckmann. Fünf Übungen bringen den Kreislauf in Schwung und sorgen für Schmiere in den Gelenken.

Herr Dieckmann, viele verbinden mit „Frühsport“ die Sendung „Tele-Gym“ des Bayerischen Fernsehens. Wie definieren Sie Frühsport?

Bei „Tele-Gym“ muss ich immer an die Folgen aus den 80ern denken und an Männer in Strumpfhosen. Für mich ist Frühsport, dass ich den inneren Schweinehund bekämpfe und dann Sport mache, wenn ich eigentlich noch im Bett liegen könnte. Wichtig ist, dass ich vorher nicht frühstücke, sondern dass das Frühstück die Belohnung ist.

Physiotherapie am Stadtpark - Dehnen

1. Gelenkkapseln in der Wirbelsäule dehnen: Direkt nach dem Aufwachen die Bettdecke zur Seite schlagen, Beine anwinkeln und drei bis vier Atemzüge lang nach links und rechts wegkippen, den Kopf dabei in die Gegenrichtung wenden. Beide Ellbogen und Schultern auf dem Boden lassen, die Arme im rechten Winkel neben dem Kopf nach oben strecken, knapp über der Matratze. © Sportfoto Zink / Wolfgang Zink

Kann man beim Frühsport etwas falsch machen?

Man kann sich übernehmen. Wenn ich jahrelang nichts gemacht habe, sollte ich nicht gleich fünf Kilometer joggen. Man kann mit Gymnastik oder auf der Stelle Gehen beginnen, damit der Kreislauf in Schwung kommt und die Muskulatur sich langsam auf eine Steigerung vorbereiten kann. Das können auch einfach nur Kniebeugen sein: drei Serien à 15 Stück. Oder bei Arthrose ist Fahrradfahren in Rückenlage gut, damit die Gelenke bewegt werden. Bei Arthrose gibt es den berühmten Anlaufschmerz. Doch mit der morgendlichen Bewegung mit wenig Belastung bildet sich Gelenkflüssigkeit, und dieser Anlaufschmerz tritt nicht oder weniger auf.

Physiotherapie am Stadtpark - Fahrradfahren

2. Kreislauf in Schwung bringen und Gelenkschmiere produzieren beim Fahrradfahren im Bett: Für zehn Sekunden den Kopf anheben (gut für die Bauchmuskeln), Arme seitlich am Körper knapp über der Matratze halten und mit den Beinen strampeln wie beim Radeln. © Sportfoto Zink / Wolfgang Zink

Und warum wäre es auch für gesunde Menschen wichtig, sich in der Früh zu bewegen?

Es beugt Schmerzen und Arthrose vor, hilft präventiv gegen Bluthochdruck und bei Schlafstörungen: Du kannst am Abend besser schlafen, wenn du schon am Morgen dein Pensum erledigst, der Schlaf-Wach-Rhythmus wird positiv beeinflusst. Ich selbst spiele Badminton abends, kann deshalb aber oft nicht gut einschlafen, weil ich mich so hochgepusht habe. Und für Fortgeschrittene ist die Joggingrunde auch aus psychologischen Gründen wichtig, wenn etwa das „Runner’s High“ für Endorphin-Ausschüttung sorgt. 15 bis 30 Minuten reichen da schon für einen Kickstart in den Tag.

Das Problem mit der Zeit

Für Berufstätige sind 30 Minuten am Morgen viel Zeit, und dann muss man noch duschen und frühstücken.

Dieses Zeitproblem könnte man mit dem Weg zur Arbeit per Rad lösen. Oder man geht schnell zur U-Bahn. Frühsport muss nicht gleich wahnsinnig sportlich sein.

In vielen Sportarten bedeutet Aufwärmen: Anschwitzen. Sollte man ins Schwitzen kommen?

Nein, das muss man gar nicht. Die wichtigere Regel ist: Man darf keine Schmerzen, Schwindelgefühl, Schwäche oder Übelkeit haben. Denn dann sollte man sofort abbrechen. Das richtige Signal des Körpers ist ein Glücksgefühl und dass man wacher ist nach dem Frühsport, sich fitter fühlt.

Physiotherapie am Stadtpark - Kontrolliert aufstehen

3. Jan Dieckmann nennt diese Übung an der Bettkante „Kontrolliert aufstehen“. Ohne die Arme zu Hilfe zu nehmen, mit dem Oberkörper ein Stück nach vorne beugen, Schwerpunkt verlagern, Rücken gerade, aus den Beinen nach oben gehen. Serie: dreimal zehn. Für Fortgeschrittene, gut für die Waden: im Stand auf die Zehenspitzen stellen.© Sportfoto Zink / Wolfgang Zink

Kann man sich dann den Kaffee sparen?

Das ist in der Tat wie ein starker Kaffee, der einen wach macht. Kaffee wirkt eh erst nach ein paar Stunden und ist ein psychologischer Effekt. Am besten also gleich nach dem Wachwerden die Bettdecke zur Seite schlagen und anfangen. Das macht vor allem bei Menschen Sinn, die Probleme mit den Gelenken haben.

Was passiert da genau im Körper?

Der Stoffwechsel und die Durchblutung der Muskeln werden angeregt. Die Heilung wird angeregt, wenn man etwa eine alte Muskelverletzung hat. Die ganzen Gefäße werden stimuliert, die Muskulatur wird gekräftigt.

Physiotherapie am Stadtpark - Ausdauertraining

4. Für den Kreislauf und als Ausdauertraining auf der Stelle laufen: Jeder geht sein eigenes Tempo, am Besten barfuß auf einem weichen Teppich. Dabei die Arme mitnehmen. Mit einer halben Minute starten, ausbaufähig bis zur Joggingrunde für Fittere. „Dabei Privatradio hören, ist erlaubt“, scherzt Dieckmann.© Sportfoto Zink / Wolfgang Zink

Wie kann ich mich auf einen Acht-Stunden-Tag auf dem Bürostuhl bestmöglich vorbereiten?

Mit Übungen im Stehen und Streckübungen, in der Bauchlage, ins Hohlkreuz gehen, auf der Stelle laufen, auf den Zehenspitzen gehen. Also alles, was einen Ausgleich schafft zu der Position, die ich in der Arbeit einnehme. Wenn ich viel sitze, habe ich das Becken und die untere Lendenwirbelsäule gebeugt. Auch tagsüber kann ich das einbauen.

5. Zur Versorgung der Bandscheiben, weil wir im Alltag oft gebeugt sind: Hüftstreckung, Kräftigungsübung. Mit den Händen ans Fensterbrett greifen, schräge Stellung einnehmen, wie Liegestütze im Stand. Abwechselnd ein Bein nach hinten anheben, Knie durchgedrückt lassen. Das Becken zeigt stabil nach vorne, den Körper dabei nicht drehen. Rücken und Standbein bilden eine gerade Linie von der Schulter bis zur Ferse.© Sportfoto Zink / Wolfgang Zink

Klar, dass der Physio sagt: Du musst den ganzen Tag was machen . . .

Nein, sag’ ich nicht. Wenn die Übungen eine hohe Intensität haben, reicht das einmal am Tag. Wenn es ums Dehnen geht oder Übungen für den Nacken, kann ich sie öfter machen, zum Beispiel, indem man tagsüber einen Wecker stellt, der einen an seine Übungen erinnert. Alle 20 bis 30 Minuten für zwei Minuten dehnen und strecken ist gut für den Körper und den Geist, man kann sich besser konzentrieren. Faustregel für den Bürostuhl ist: Unser Körper braucht immer verschiedene Reize. Ob Hohlkreuz oder Rundrücken – länger als fünf Minuten sollte man nicht in der gleichen Position verharren.

Obwohl ich alles selbst machen kann: Lohnt es sich trotzdem, um 7.20 Uhr „Tele-Gym“ im BR einzuschalten?

Viele meiner Patienten nutzen das, man kann das auch später am Tag in der Mediathek anschauen. Ich finde es gut, weil da auf die verschiedenen körperlichen Zustände der Zuschauer Rücksicht genommen wird. Jemand mit 80 kann nicht mehr die Skigymnastik mitmachen, für diejenigen gibt es Übungen im Sitzen auf einem Hocker. Zu zweit macht Frühsport übrigens noch mehr Spaß und fördert die Libido.

Jan Dieckmann, 44, lebt mit Frau und fünf Kindern in Nürnberg und betreibt seit 2018 eine Physiotherapie-Praxis in Fürth. Der gelernte Masseur und Physiotherapeut setzt sich als Moderator der Facebook-Gruppe „Therapeuten Nürnberg und Umgebung“ (TNU) und als Organisator von Diskussionsstammtischen für seinen Berufsstand ein. Sein Credo: „Therapeuten haben nicht den Stellenwert, den sie innehaben sollten. Nach europäischen Standards sind wir in Deutschland hintendran. In der Ausbildung wird oft noch veraltete Theorie gelehrt.“

 

Interview: MARTIN SCHANO

Quelle: www.nordbayern.de

Ohne seinen Physiotherapeuten wäre Manuel Neuer noch immer nicht fit

Der Nürnberger Jan Dieckmann liebt seinen Beruf, obwohl die Ausbildung teuer, das Gehalt zu niedrig und der Alltag mitunter frustrierend ist. Auch mit der Hilfe von prominenten Sportlern wehren sich die deutschen Physiotherapeuten jetzt. Ein Interview.

In Berlin erreicht an diesem Dienstagabend die „Tour de Spahn“ ihr Ziel. Dutzende Fernsehkameras begleiten Physiotherapeuten aus dem ganzen Land dabei, wie sie von dem Gesundheitsminister dann doch nicht empfangen werden. Jan Dieckmann sitzt derweil entspannt im Rosenaupark bei einem großen Wasser, auf Facebook und Twitter kämpft er dagegen umso engagierter um Aufmerksamkeit. Unter den Hashtags #ohnemeinenPhysio und #TherapeutenamLimit sammeln sich seit etwa einem halben Jahr bedrückende Berichte aus dem Arbeitsalltag von Physio-, Sport- und Ergotherapeuten, Logopäden, Diätassistenten und Podologen, Prominente schildern, was nicht möglich gewesen wäre, ohne die Hilfe ihres Physiotherapeuten. Jan Dieckmann hat eine tiefe Stimme, er spricht ruhig und bedacht, genau so, wie man sich das von einem Therapeuten erwartet. Ein distanziertes Gespräch ist dabei kaum möglich, Jan geht in sein fünftes Lebensjahrzehnt, trotzdem kann man ihn kaum siezen. Wir sprechen über Fachkräftemangel, einen wunderbaren Beruf und das, was das alles mit Manuel Neuer zu tun hat.

Heute Vormittag habe ich mich selbst sportlich betätigt und natürlich habe ich mich verletzt. Laut Eigendiagnose brauche ich eine neue Hüfte. Sollte ich morgen ein Rezept über Krankengymnastik ausgestellt bekommen, wie lange müsste ich auf einen Termin bei dir warten, Jan?

Jan Dieckmann: Bis zum 6. Juli, ungefähr, vielleicht bis zum 9. Juli – fünf Wochen auf jeden Fall.

Was daran liegt, dass es zu wenige Physiotherapeuten gibt?

Dieckmann: Genau. Das liegt am Fachkräftemangel. Wir haben zwar im Mai eine neue Kollegin eingestellt – allerdings nach einem Dreivierteljahr Suche.

Warum bist du Physiotherapeut geworden?

Dieckmann: Ich habe Zivildienst in der Bahnhofsmission in Nürnberg geleistet, habe da teilweise die Leute medizinisch versorgt. Das hat mir getaugt, massiert habe ich auch schon immer gerne. Das habe ich dann auch zuerst gelernt und mich nach vier Jahren Knochenarbeit dazu entschlossen, den Physiotherapeuten weiterzumachen. War von morgens bis zwei Uhr in der Schule und habe danach noch in der Massagepraxis weitergearbeitet.

Wie viel Geld hast du in diese Ausbildung investiert?

Dieckmann: Damals habe ich monatlich 450 Euro gezahlt, eineinhalb Jahre lang. Im Normalfall aber dauern Physiotherapie-Ausbildungen drei Jahre. Auf 15 bis 20 000 Euro kommt man da schon.

Und wie finanziert man das als junger Mann, der zuvor nicht die Gelegenheit hatte, 450 Euro monatlich auf die Seite zu legen?

Dieckmann: Entweder mit Hilfe der Eltern oder man beantragt, so wie ich das gemacht habe, BAföG.

Schon abbezahlt?

Dieckmann: Nee, das geht auch gar nicht. Mit vier Kindern hat man da keine Chance.

Hast du irgendwann deine Entscheidung bereut, diesen Lebensweg eingeschlagen zu haben?

Dieckmann: Ja.

Ja?

Dieckmann: Ja! Was das Finanzielle angeht auf alle Fälle. Wir verdienen durchschnittlich 2300 Euro – brutto. Es gibt sicher viele Berufe, die weniger anstrengend sind, der Verdienst aber besser ist. Das ist klar, ob die dann auch so erfüllend sind, das ist die andere Frage. Ich liebe meinen Job. Jetzt würde ich nichts anderes machen wollen. Trotzdem bin ich unzufrieden.

Würdest du behaupten, dass deine Stimmung für die ganze Branche steht?

Dieckmann: Auf jeden Fall. Ich kenne Leute, die mit mir die Ausbildung gemacht haben, die jetzt etwas anderes machen, die noch ein Sport- oder ein Lehramtsstudium angehängt haben. Ein Bekannter ist in die Pharma-Industrie gewechselt, der verkauft jetzt bio-medizinische Produkte. Das Krasse ist, dass bei uns staatliche Einrichtungen besser zahlen als die freie Marktwirtschaft. Und das ist ja eigentlich total absurd. Und die haben Arbeitszeiten, ein Traum. 8 bis 16.30 Uhr. Das geht bei uns schon anders zu.

Nämlich?

Dieckmann: Wir arbeiten in einer Art Wechselschicht, das ist wohl auch normal, so weit ich das mitbekomme. Das geht bis 19.30 Uhr, 20 Uhr, allerdings fange ich dann auch später an. 38 Stunden arbeite ich in der Woche, weniger eigentlich nie, eher mehr.

Ist es noch so, dass viele Physiotherapeuten danach noch Sportvereine betreuen?

Dieckmann: Das gibt es, dass man in einem Sportverein ein zweites Standbein hat. Aber das wird auch immer weniger, weil die Vereine das nicht mehr so zahlen können oder die Vereine Probleme haben, überhaupt noch Physiotherapeuten zu finden. Immer weniger absolvieren die Ausbildung, immer mehr brechen ab. Das spüren auch die Sportvereine.

Was hast du heute gemacht?

Dieckmann: Ich habe hauptsächlich Hausbesuche gemacht, ich war im Pflegeheim in Altenfurt, habe mit einer dementen Patientin Übungen gemacht, bin mit ihr mal wieder aufgestanden, habe versucht, mit ihr ein bisschen zu laufen, habe mich mit ihr über ihre Familie unterhalten, weil das auch ganz wichtig ist. Gerade die Dementen reden gerne und es ist wirklich ganz wichtig, dass ihnen jemand zuhört, weil dazu die Pfleger auch nicht immer Zeit haben.

Das geht dann aber weit über die Physiotherapie hinaus.

Dieckmann: Nee, das gehört dazu. Das gehört zu einer Anamnese und dann auch in den Befund. Das Psychosoziale ist Teil des Berufs. Gerade bei älteren Leuten, die zum Teil keine Kinder haben, ist wichtig: Wie kaufen die ein? Die müssen fit sein, um ihre Wege zu laufen, zum Arzt, zu uns in die Praxis. Da spielen viele Faktoren mit rein.

Wenn du nach einem langen, erfüllten, vielseitigen Arbeitstag reflektierst: Was überwiegt, die Zufriedenheit oder der Frust, dass eine solch wichtige Aufgabe von unserer Gesellschaft nicht entsprechend gewürdigt wird?

Dieckmann: Ich denke nach einem Tag, den ich als erfolgreich erachte, schon an die schönen Momente. Das ist wahrscheinlich dieses Helfersyndrom. Aber klar tut es weh, dass das in meinen Augen nicht gewürdigt wird, weder von Ärzten noch von Teilen der Gesellschaft.

Mit deinem Frust bist du nicht alleine. Gerade eben kommt die „Tour de Spahn“ in Berlin an, unter dem Hashtag #ohnemeinenPhysiotherapeuten sprechen sich auf Twitter, Facebook und Instagram viele Prominente für eure Sache aus. Wobei, was heißt das eigentlich.

Dieckmann: Man muss sich das „was wäre“ zu #ohnemeinenPhysiotherapeuten dazu denken. Bestes Beispiel ist Manuel Neuer, der es ohne die Hilfe seines Physiotherapeuten nicht zurück in die Nationalmannschaft geschafft hätte. Dafür gibt es noch viele andere Beispiele. Sportler wissen ziemlich genau, was sie an Physiotherapeuten haben.

Was erhoffst du dir persönlich von dieser Kampagne?

Dieckmann: Dass sich das im Gehalt bemerkbar macht. Natürlich geht es da um meine eigene finanzielle Situation. Und generell, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern, vor allem auch, dass wir mehr Zeit für Patienten haben. Derzeit ist es so, dass wir von den Krankenkassen einen Pauschalbetrag bekommen, bei der Krankengymnastik um die 17 Euro für gesetzlich festgelegte 15 bis 25 Minuten. In dieser Zeit sollen wir Termine vereinbaren, der Patient soll sich an- und ausziehen, erst dann geht es an Befund und Behandlung. Ich bin der Meinung, dass wir dem Patienten in dieser Zeit schon helfen können, aber lange nicht so, wie wir eigentlich könnten. Einen Patienten in der Akutphase mal 45 Minuten zu behandeln, wäre einfach nicht möglich. Und mit dem Fachkräftemangel wäre es auch praktisch nicht möglich. Jetzt geht es darum, dass wieder mehr Leute in den Beruf kommen. Dann könnte man auch die Bedingungen verändern.

Ein junger Mensch will Physiotherapeut werden, was rätst du ihm?

Dieckmann: Das kam natürlich schon vor, ich sage dann: Das ist ein wirklich schöner Beruf, aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass man finanziell nicht weit kommt. Selbst wenn man selbstständig ist und noch keine große Praxis hat, schwebt ständig ein Damoklesschwert über einem. Wenn man selbst krank wird oder wegen 50 Wochenstunden Arbeit ausbrennt, dann hat man die Arschkarte gezogen. Ich bin seit 20 Jahren im Beruf, in dieser Zeit hat sich nichts verändert. Es ist eher so, dass einem die Krankenkassen immer mehr Steine in den Weg legen. (Jan verdeutlicht anhand eines Rezepts den ermüdenden bürokratischen Aufwand, der mit jeder Behandlung einhergeht. Er fasst sich kurz, trotzdem dauert es fünf Minuten – ohne Erkenntnisgewinn beim Fragesteller. Wichtig ist nur, dass jeder Fehler in der Abrechnung, egal, wem er unterläuft, dazu führt, dass der Physiotherapeut bzw. seine Praxis kein Geld bekommt. „Es ist zum Haareraufen.“)

Sportler stellen oft fest, dass es wichtiger ist, einen guten Physiotherapeuten zu haben als einen guten Arzt. Kannst du dieser These zustimmen?

Dieckmann: Nein. Aber es ist mindestens genauso wichtig, einen guten Physiotherapeuten zu haben.

Aber Ärzte brauchen keine Hashtags, um auf ihre ungerechte Arbeitssituation aufmerksam zu machen. Macht dich das wütend?

Dieckmann: Natürlich. Wie lange muss man auf einen Orthopäden-Termin warten? Teilweise Monate. Wie lange dauert der Termin? Nach teilweise stundenlangen Wartezeiten drei, vier Minuten, in denen die Patienten zum Teil nicht einmal mehr ausreden dürfen. Er tippt dann auf das Erstbeste, schickt den Patienten zu einem bildgebenden Verfahren, Röntgen oder MRT – ein wahnsinniger Kostenfaktor. Aus meiner Erfahrung kommt es oft vor, dass Patienten nach monatelanger Odyssee von Orthopäde zu Orthopäde mit Schmerzmitteleinsatz zum Physiotherapeuten kommen und froh sind, dass ihnen endlich geholfen wird.

Wann ist eure Kampagne erfolgreich?

Dieckmann: Wenn die Politik dafür sorgt, dass Aus- und Weiterbildung nichts mehr kosten dürfen. Das ist der erste Schritt. Der zweite wäre, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Vielleicht hilft uns ja auch eine Sendung auf Vox.

Deutschlands bester Physio? Das große Physio-Duell? Massage impossible? Die perfekte physiotherapeutische Behandlung?

Dieckmann: Warum nicht? Das ist natürlich alles Spinnerei, aber schön wäre es schon, wenn die Menschen nicht erst auf die Probleme unseres Berufs aufmerksam werden, wenn sie selbst darunter leiden.

Interview: SEBASTION BÖHM

Quelle: www.nordbayern.de

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